Der exklusive Walliser Weisse

Die Rebsorte Amigne wird nur im Wallis angebaut. Vor allem in der Gemeinde Vétroz unweit von Sion. Romain Papilloud ist einer der 18 Weinbauern, die sich mit viel Liebe und Fachwissen diesem exklusiven Gewächs widmen. Früher vor allem als Süsswein getrunken, wird die Amigne mehr und mehr trocken gekeltert. Zurzeit wird der 2016er Jahrgang in Flaschen abgefüllt.

Der 16er Amigne wird gerade abgefüllt. Romain Papilloud öffnet für die Gäste eine der speziellen Flaschen, in deren Glas gleich unter dem Hals «Grand Cru» eingepresst ist. «Es ist die erste, die ich öffne», sagt Papilloud, schenkt ein und degustiert einen ersten Schluck. Ja, er ist zufrieden mit dem Resultat. Für Papilloud, der den Weinbaubetrieb Vieux-Moulin in dritter Generation führt, ist es ein Lichtblick am heutigen Tag. Die Nächte davor hat der Frost gewütet. Die Rebstöcke mit Gamay- und Pinot-Trauben wurden schwer beschädigt. Papilloud fragt sich, ob er dieses Jahr von diesen beiden Sorten überhaupt etwas ernten kann. «Ah, die Natur», sagt er nur und schaut dann wieder lange schweigend zum Weinberg in Vétroz hinauf.

Nicht oder nur wenig betroffen sind die Amigne-Reben. Sie hätten nicht allzu schlimm ausgesehen, sagt Papilloud. Die autochthone, also einheimische Sorte ging lange vergessen und wird auf dem Gut der Papillouds seit den späten Achtzigerjahren angebaut. «Vorher hatte mein Grossvater fast nur Chasselas und Gamay», erinnert er sich. Doch dann begannen die Walliser Winzer und Winzerinnen ihre einheimischen Gewächse wieder zu pflegen. Die Zeit der Massenproduktion war vorbei, gefragt waren Spezialitäten. So wurde aus dem Winzerdorf Vétroz das Dorf der Amigne. Auf acht Prozent der 180 Hektar Anbaufläche wird heute Amigne angepflanzt. Im Keller der Papilllouds hängt ein mit originalem Material und in den richtigen Proportionen nachgemachtes Modell des Bodens, auf dem die Reben wachsen: zuoberst mit sandigem Humus durchsetzte Kiesel, dann feineres Geröll und bald schon Schiefergestein. Die Rebenwurzeln gehen tief bis in diese unterste Schicht. Der Boden ist ideal und verleiht dem Wein seinen Charakter.

Amigne Weinflaschen der Kellerei Cave Vieux-Moulin in Vétroz, Wallis
Bis zu drei Bienen geben auf jeder Flasche Amigne aus Vétroz den Zuckergehalt an.

Die Amigne ist eine alte, weisse, einzig im Wallis angebaute Rebsorte und, wie Forschungen vermuten lassen, römischen Ursprungs. So erwähnte bereits der römische Schrittsteller Columella in einem Buch über Landwirtschaft die «Vitis aminea». Damit, so folgern die Weinbauern in Vétroz, kann sich das Wallis beim Anbau der Amigne-Rebe auf eine 2000-jährige Weinbautradition berufen. Amtlich verzeichnet wird die Amigne-Sorte erstmals anlässlich der internationalen Ausstellung für Rebsortenkunde in Genf 1878. Weltweit gibt es heute 38 Hektaren, ausschließlich im Wallis, die übergrosse Mehrheit davon in Vétroz (70 Prozent). Romain Papilloud nimmt ein Bild mit einer Amigne-Traube hervor: Gross, lang und schwer sieht sie aus. Papilloud meint schmunzelnd: «Sieht schwer aus, nicht? Bis man sie in die Hand nimmt und merkt, sie ist leichter als die Grösse vermuten lässt, denn die Beeren sind doch deutlich kleiner als bei anderen Rebsorten.» Während der Reifung müssten die Triebe rasch angebunden werden, und während der Blüte sei sie recht empfindlich. Die Amigne reift etwa drei Wochen nach dem Chasselas und sei weniger ergiebig als andere Traubensorten.

Und was bedeuten die drei Bienen auf jeder Etikette? Papilloud erinnert daran, dass man in früheren Jahren vor allem süssen Amigne hergestellt hat. Erst in den letzten Jahren habe sich der Trend Richtung trockene Amigne verschoben. Als Anhaltspunkt für den Verbraucher haben sich die Einkellerer von Vétroz für eine Abstufung mit drei Bienen entschieden: Eine Biene bedeutet 0 bis 8 Gramm Restzucker pro Liter, zwei Bienen 9 bis 25 Gramm, drei Bienen über 25 Gramm. «Die Amigne hat mehr Körper, ist kräftiger und herber als andere Weissweine, bleibt aber immer lieblich», erklärt Papilloud. In der Nase entfalten sich Noten von Mandarine und eingemachten Aprikosen. Und: «Sie ist eine der wenigen Weissweinsorten mit Tannin im Abgang. Den grössten Genuss bietet die Amigne nach fünf- bis zehnjähriger Lagerzeit.» Besonders stolz ist Papilloud auf seine Amignonne – Amigne, nach Champagnermethode gekeltert. «Sie ist immer schnell ausverkauft.»

 

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