Wortkarger Tüftler

Hoch droben im Binntal setzt ein Kochtalent zum Höhenflug an. Zu Besuch bei Heimkehrer Mario Inderschmitten.

Ein bemerkenswertes Fleckchen Erde, dieses Binntal. Das Hochtal auf 1500 Metern oberhalb von Fiesch punktet mit all dem, was überall sonst als Manko gälte. Hier oben gibts keine spektakulären Bahnen, keine schicken Wellnesstempel oder Luxusherbergen, keine Action, kein Nightlife, weder Promis noch Party noch Hotspots. Das Binntal glänzt mit der Abwesenheit von gängigen Tourismus-Attraktionen, und genau darin liegt seine Anziehungskraft. Wandervögel und Birdwatcher haben diesen Flecken schon lange für sich entdeckt. Auch Strahler, die ihr Augenmerk auf verborgene Preziosen richten. So einen verborgenen Schatz hat jüngst auch eine ganz andere Art von Naturliebhabern entdeckt: die Drinnenhöckler und Gerngutesser. Ihr Ziel: das Restaurant Albrun in Binn. Hier steht Mario Inderschmitten seit drei Jahren am Herd, im Frühsommer verlieh der GaultMillau seiner Küche gleich 14 Punkte. Normalerweise steigen Jungtalente mit 12 Punkten beim renommierten Gourmetführer ein.

Ein Grund zur Freude bei Inderschmitten, aber kein Grund abzuheben. Bei unserem Besuch im «Albrun» treffen wir einen introvertierten, wortkargen Koch an, der lieber seine Kreationen für sich sprechen lässt, als dass er grosse Worte darüber verliert. Ein echter Binntaler eben, ruhig, geerdet, unaufgeregt, so ganz anders als die Riege junger «Rockstars», die in den Städten für Aufsehen in der Gourmet-Gemeinde sorgen. Das einzig Hippe an ihm ist ein Goatie, den man hier im Binntal Geissbärtli nennt. Auf den Social-Media-Plattformen sucht man Inderschmitten vergebens, statt zu twittern oder zu chatten verbringt er seine knappe Freizeit lieber mit seiner Familie. We like. Nur von seiner Website, nicht von ihm persönlich, erfahren wir, wie super dieser Mario in seinem Metier ist. Er war Kantonsbester bei der Kochlehre und der Zusatzlehre als Konditor-Confiseur sowie jüngstes Mitglied der Kochnationalmannschaft, er holte Höchstwertungen als Patissier an Koch-Weltmeisterschaften und Olympiaden und den Titel Youngster des Jahres 2012, eine Ehrung, die Starkoch Ivo Adam und das Magazin Marmite vergeben. Und als jüngste Würdigung eben die 14 GaultMillau-Punkte diesen Sommer. Viel Lob und Ehre für einen, der dieses Jahr 30 geworden ist. Statt Starallüren hat Inderschmitten nur noch mehr Ehrgeiz entwickelt, stetig besser zu werden. «Und das wird man nur durch Fleiss und Kreativität, jeden Tag von Neuem», weiss der stille Schaffer am Herd.

Käse, regionale Spezialitäten,  Chefkoch, Weisswein
So tief verwurzelt Inderschmitten in seiner Heimat ist, so präsentiert sich seine Küche.

Als Töchterchen Marilou auf die Welt kam, hat er sogar seine geliebte E-Gitarre an den Nagel gehängt. «Und da wird sie weiterhin verstauben», meint seine Frau Laetizia, Hotelfachfrau aus dem Elsass und bald zweifache Mutter, schmunzelnd. Kennengelernt haben sich die beiden im Job. Die Familiengründung war es dann, die den Binntaler nach den Lehr- und Wanderjahren wieder nach Hause zog. «Als die Frage nach der Familienplanung auftauchte, meinte Mario nur, er wünsche sich, dass unsere Kinder im Binntal aufwachsen», erzählt Laetizia. So übernahm das Paar das «Albrun» in Binn, wo schon Marios Eltern jahrzehntelang Gäste bewirtet und beherbergt hatten. So tief verwurzelt in seiner Heimat der Aufsteiger ist, so präsentiert sich auch seine Küche. Inderschmitten schöpft bei den regionalen Produkten aus dem Vollen, in seine Küche kommt das Beste, was das Wallis zu bieten hat: Medaillons vom Schwarznasenschaf, Eglifilets aus Raron, Lammleber aus dem Goms, Grauvieh vom Nachbarn, Käse von den Alpbetrieben des Aletschgebiets, Birnen, Steinpilze, Gemüse und Tannenschösslinge aus dem Binntal, Wild aus heimischer Jagd, der rare Safran aus Mund, alles begleitet von Walliser Weinen, abgerundet von Walliser Bränden. Nur ein für Inderschmitten wichtiges Produkt kommt aus der Üsserschwiiz, die Schokolade. Die holt der passionierte Patissier von der Dessert-Abteilung in der Menüabfolge gern nach vorne. Zum Beispiel beim Rindsrücken Black Forest. Hier kombiniert er zum niedergegarten Edelstück vom Angusrind alles, was in einer Schwarzwäldertorte mitmacht: Kakao, Rahm (als Panna cotta), süsse und saure Kirschen (als Gel, Sorbet und Kompott), ein vielschichtiges Zusammenspiel, ein Füllhorn von Aromen, Temperaturen und Texturen. «Ich will meine Gäste überraschen, ihnen etwas Neues, Frisches bieten. Raclette und Käseschnitte bekommen sie auch anderswo», erklärt der Tüftler.

Interview: Anita Lehmeier / Photos : Sedrik Nemeth

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