Auf den Spuren der Wallis Velo Tour

In Zusammenarbeit mit Alain Rumpf und Grand Tours Project
 

Für manche ist es ein Traum, Beth hat ihn für sich wahr werden lassen: Nach sechs Jahren Bürojob im Mittleren Osten und in London hat die Waliserin, die sich für alle Arten von Velosport begeistert, im Frühjahr gekündigt. Dann ist sie in Richtung Alpen aufgebrochen, um Velo zu fahren, zu schreiben und sich zu überlegen, welche Richtung sie ihrem Leben geben möchte.

Ich habe Beth zufällig in den sozialen Netzwerken kennengelernt. Sie interessierte sich für die Aktivitäten von Grand Tours Project, für die ich Velotouren organisiere. Beth hat sich uns auf dem Giro d’Italia angeschlossen und dann einige Tage mit ihrem Freund bei mir in Gyron in den Waadtländer Alpen verbracht.

Wie viele andere träumt Beth davon, die durch die Tour de France und den Giro d’Italia berühmt gewordenen Pässe hochzufahren, weiss aber nur wenig über die Schweizer Bergwelt. «Zeig mir mehr von deinem Land», lautete daher ihr Vorschlag bei einem gemeinsamen Fondue-Essen. Eine schöne Herausforderung für einen passionierten Velofahrer wie mich. Ich hatte die Qual der Wahl. Mit ihren unzähligen Routen in perfektem Zustand und oft nur wenig Verkehr ist die Schweiz ein Paradies für Velofans. Und das mitten in einer herrlichen und wunderbar erhaltenen Berglandschaft.

Diese Gelegenheit wollte ich auch für mich zum Entdecken nutzen. Deshalb rief ich Guillaume an und bat ihn, uns mit auf die schönsten Routen des Wallis mitzunehmen, das er so gut kennt. Warum ausgerechnet er? Zwar habe ich als Nachbar dieses schönen Kantons die bekanntesten Pässe bestiegen, aber ich weiss, dass es noch viele verborgene Schätze gibt – und Guillaume kennt sie. Er würde sie uns zeigen.

So habe ich Beth und Guillaume zusammen mit Yves und Sarah drei Tage lang mit meiner Fotokamera begleitet. Und wir wurden nicht enttäuscht.

Das Wallis birgt noch viele Überraschungen für begeisterte Velofahrer. Gönnen auch Sie sich wie Beth eine Pause, um die traumhafte Welt der Alpen zu erleben.

Wallis Velo Tour, Rhonetal, Sion, Sitten, Velofahren im Wallis
Beth geniesst die Aussicht über das Rhonetal.

Erste Etappe

Wir befinden uns in Bouveret. «Ich wusste gar nicht, dass das Wallis an den Genfersee angrenzt», bemerkte Beth. Die erste Überraschung auf einer Reise, die noch einige mehr für uns bereithalten würde.

Wie so oft im Wallis ist das Wetter herrlich, und die Gruppe startet ihre Tour auf dem Radweg am Ufer der Rhone entlang, dem grossen Fluss, der als Wahrzeichen den gesamten Kanton durchzieht. Ein flacher Abschnitt abseits des Verkehrs: perfekt, um sich umzuschauen und sich aufzuwärmen, bevor man die grossen Herausforderungen des Tages in Angriff nimmt.

Ein erster Stopp bietet sich in Saint-Maurice an, wo Beth ihr Velo vor der im Jahr 515 gegründeten Abtei ablichtet. Das Kloster gilt als die älteste, ununterbrochen betriebene Abtei des Abendlandes. Ja, das Wallis ist ein geschichtsträchtiger Kanton!

Später machen wir eine kleine Kaffeepause auf der Place Centrale in Martigny. Das ist die Gelegenheit, die Karte von Wallis Velo Tour zu erkunden, von der wir bei unserer Tour einen Teil abfahren werden. Wir studieren die erste Schwierigkeit des Tages: den Anstieg nach Verbier. Der Ort war Schauplatz der Tour de France 2009, wo Alberto Contador mit einer meisterhaften Leistung die erste Alpenetappe gewann.

Es ist ziemlich heiss, als die Gruppe Le Châble verlässt, aber die Luft wird frischer, je höher die Route uns führt. Begeistert von der fantastischen Aussicht auf die umliegenden Gipfel fährt Beth allein, in ihrem eigenen Rhythmus.

Eine Kehre folgt der nächsten, und sie erreicht bald den Ortseingang von Verbier, wo sie wieder auf die anderen drei trifft. Wir fahren in Richtung des «La Marlenaz» etwas oberhalb von Verbier, um die regionale Küche dieses renommierten Restaurants zu geniessen. Beth kann gar nicht genug bekommen und lässt sich zu einem üppigen Dessert verführen. Sie weiss schon, dass sie noch Energie benötigen wird, um ans Ziel der heutigen Etappe zu gelangen!

Ab Martigny steigt die Strasse nämlich wieder an. Beth, Sarah, Guillaume und Yves nehmen den Col de la Forclaz (1527 m) in Angriff, der von seinen tieferliegenden Hängen einen herrlichen Blick auf Martigny und das Rhonetal bietet.

Die Männer erreichen den Pass als Erste, bevor sie runter nach Trient und in Richtung Finhaut und zur Staumauer von Emosson fahren, die das Ende der 17. Etappe der Tour de France 2016 sein wird.

Sarah und Beth fahren gemeinsam hoch nach Emosson. Sarah nutzt dabei die Gelegenheit, ihrer Begleiterin die Geschichte zu dieser im Oktober 1976 eingeweihten, imposanten Staumauer zu erzählen. Der künstliche See ist 5 km lang und enthält rund 225 Mio. m³ Wasser.

Als sie den Gipfel auf 1965 m erreichen, fahren Guillaume und Yves inmitten einer majestätischen Landschaft bereits über die Staumauer. Der Tag geht zu Ende. Guillaume möchte Beth gern den imposanten Montblanc zeigen, doch der versteckt sich hinter den Wolken. Dann eben ein anderes Mal!

Auf dem Fahrradcomputer: 124km und 3300m Höhenunterschied.

Alain Rumpf und Grand Tours Project

Alain Rumpf ist Radsportler, Fotograf und Redaktor und lebt in den Schweizer Alpen. Er ist ausserdem Chief Cycling Officer von Grand Tours Project und organisiert in dieser Eigenschaft Velotouren in den Alpen. Für ihn eine Art, das Radfahren nicht nur als einen Sport, sondern auch als gesunden und naturnahen Lebensstil zu fördern.