Kämpferin und Ikone: die Eringer Kuh

Ohne die Eringer Kuh wäre das Wallis einfach nicht komplett. Denn sie sorgt nicht nur für Köstlichkeiten wie das ausgezeichnete Walliser Trockenfleisch. Vor allem hätte sich ohne nie entwickelt, was heute als Attraktion für Zehntausende von Besuchern und Zuschauern gilt: die traditionellen Walliser Ringkuhkämpfe. Die Züchterin Déborah Métrailler verfügt über einige besonders erfolgreiche Kämpferinnen. Ihr erstaunliches Erfolgsrezept: «Vor den Kämpfen gehe ich mit den Kühen joggen.»

Sanftmütige Kampfeslust

Mit dem in der übrigen Schweiz so typischen Braunvieh hat die Eringer Kuh Melinda wenig gemein: Sie wirkt muskelbepackt und kompakt. Und sie kann eine ziemliche Wildheit an den Tag legen. Déborah Métrailler erklärt: „Eringer Kühe sind Herdentiere, die unter sich die Rangfolge ausmachen Da kann es ziemlich zur Sache gehen – ist aber ein ganz natürliches Verhalten.“ Wie auf Stichwort zeigt dann auch Melinda im Aussengehege, was in ihr steckt. Sie hüpft geschmeidig über die Weide, schlägt immer wieder wild aus, rammt einen Baumstamm. Nichts für schwache Nerven. Doch Déborahs sanfte Stimme beruhigt die Kuh. Schon bald lässt sie sich am Kopf zwischen den Hörnern kraulen, in ihren grossen Augen nichts als Sanftmut. Werden die Kühe nicht zu brav, wenn sie derart liebevoll umsorgt werden? Déborah lacht „Das sind Walliser Kühe, die lassen sich so schnell sicher nicht bezirzen.“ Ehrfurcht hat sie allerdings aus anderen Gründen: Angeblich brachten die Römer die Rasse ins Wallis. Und während anderen Nutztieren ihre Ur-Eigenschaften abgezüchtet wurden, ist der Anblick einer Eringer immer auch ein Blick zurück in die Geschichte: auf eine Gemeinschaft von Mensch und Tier, in der es darum ging, auch widrigen Umständen wie extremen Höhenlagen zu trotzen.

Seit Jahrhunderten Herzensangelegenheit

Die Zucht der Eringer ist Familiensache. Und eine Herzensangelegenheit. Gemeinsam mit Vater Gothard, Mutter Georgette und ihren Geschwistern kümmert sich Déborah um die gut 30 Kühe und Kälber. Regelmässig klassieren sich die Kühe aus dem Stall Métrailler auf den Spitzenrängen bei den Ringkuhkämpfen in der Region und dem nationalen Finale in Aproz. Die Zucht hat in der Familie eine lange Tradition. Déborahs Grossvater ist der legendäre Robert Vuissoz – dessen Kuh Pigalle im Jahr 1971 die „Königin der Königinnen“ wurde. Ein Titel, der im Wallis in etwa dieselbe Bedeutung hat wie der Gewinn der Fussball-WM. Déborah setzt diese Tradition erfolgreich fort.

Vater Métrailler schaut im Stall zum Rechten. „Die Eringer sind eine Leidenschaft, kein Beruf.“ Er selbst ist Elektriker, Déborah beginnt eine Weiterbildung zur HR-Spezialistin. Sie teilen sich die Arbeit im Stall mit Mutter Georgette. Tag für Tag sechs Stunden. Viel Aufwand, auch finanziell. Dann und wann verkaufen die Métralliers eine Kuh – ihr Stall geniesst unter den Züchtern einen exzellenten Ruf. Preisgelder gibt es an den Turnieren keine. Und die Eringer sind auch keine besonders gute Milch- oder Fleischkühe. Darum geht es auch nicht. „Wer Eringer züchtet, tut das aus Leidenschaft» erklärt Déborah. «Es geht um Ehre, Stolz und Tradition – vor allem aber macht es viel Freude.“

Eringerzucht, eine Tradition die von Generation zu Generation weiterlebt, Wallis
Déborah mit Vater Gothard

Der Stolz des Vaters

Die grosse Kuhglocke, Standardausrüstung einer Kampfkuh, bimmelt bedrohlich. Wie eine Dompteuse steht Déborah auf der Koppel und ruft Melinda ruhig aber bestimmt zu sich. „Klar, man darf die immense Kraft der Eringer nie unterschätzen.“ Vater Gothard steht am Gatter und schaut wachsam zu. „Grundsätzlich sind die Kühe sehr gutmütig – wenn mal was passiert, ist es nie Absicht.“ Doch die Métraillers haben ihre Tiere jederzeit im Griff. Nach einer kurzen Laufrunde ist Melinda sicher und glücklich zurück im Stall.

Der Hof der Métraillers liegt in Loye, einem kleinen Weiler hoch über Grône im Mittelwallis. Déborah blickt über das Rhônetal. Das Wallis ist für sie mehr als nur Zuhause. Es ist ihre Heimat, mit der sie tief verwurzelt ist. Die Arbeit mit den Eringer Kühen ist intensiv, da bleibt wenig Freizeit. Doch Déborah vermisst nichts, sie ist glücklich. Und geniesst die wenigen Tage, an denen die Familie gemeinsam verreist. So wie nächste Woche, wenn die Métraillers nach Biel fahren. Dort erhält Déborah ihr Zertifikat als Personalassistentin – sie hat den Kurs mit ausgezeichneten Noten abgeschlossen. Georgette und Gothard schauen ihre Tochter liebevoll und mit viel Stolz an. Ihr gehört die Zukunft. Und dazu zählt auch die Pflege einer schönen Tradition mit Geschichte.

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