Gutmütige Walliser Originale

Ungeduldig trampeln sie vor ihrem Aussengehege beim Hospiz auf dem Grossen Sankt Bernhard umher. Die Sonne steht schon hoch am Himmel, doch hier auf 2500 Metern über Meer ist die Luft auch im Hochsommer recht frisch – ideale Wetterbedingungen für die drei Bernhardinerhunde Zoltan, Hesta und Cheyenne mit ihrem dicken Fell. Sie freuen sich auf einen ihrer täglichen Spaziergänge in Begleitung von Besuchern des Grossen Sankt Bernhard-Passes. Und die Besucher können es kaum erwarten, die weltberühmten Vierbeiner aus der Nähe kennenzulernen. Als Manuel Gaillard, Leiter der Hundezucht der Fondation Barry, in Sichtweite ist, verdoppelt sich die Aufregung der Hunde. «Sie sind sehr gesellig und zutraulich. Zweimal täglich werden sie auf den Wanderwegen der Umgebung spazieren geführt. Die Stiftung legt Wert darauf, sportliche und athletische Hunde aufzuziehen, die sich in den Bergen wohlfühlen. »

Von den rund zehn Bernhardinern auf dem Pass sind heute Nachmittag nur drei mit von der Partie. Justin, einer der älteren Hunde, begrüsst sein Herrchen, indem er seine Vorderpfoten an die Scheibe stellt. Der alte Kämpe ruht heute aus. Die anderen nehmen freudig die schmalen, in den Fels gehauenen Wanderwege unter die Pfoten und beginnen ihren Rundgang auf dem an der Grenze zwischen Italien und der Schweiz gelegenen Bergmassiv. «Die Hunde auf dem Pass zu präsentieren, ist die natürliche Fortsetzung einer langen Tradition. Sie gehören zur Geschichte und zum Erbe des Hospizes auf dem Grossen Sankt Bernhard, und die Fondation Barry setzt sich für die Erhaltung dieses Erbes ein», erklärt Manuel Gaillard.

Eine jahrhundertealte Tradition

Um die Herkunft der Hunde auf dem Grossen Sankt Bernhard ranken sich verschiedene Legenden. Eine davon reicht ins 17. Jahrhundert zurück und erzählt, die Bernhardiner seien ursprünglich ein Geschenk wohlhabender Waadtländer und Walliser Familien gewesen. Die Chorherren gründeten eine Zucht, sodass immer etwa zehn Nachfahren der Ur-Bernhardiner das Hospiz an seiner strategisch bedeutungsvollen Lage unweit der italienischen Grenze bewachen und verteidigen konnten. Seit dem Jahr 1800, als Napoleon mit seiner Armee den Pass überquerte, bezeugen historische Aufzeichnungen und Stiche die Heldentaten der Hunde bei der Rettung Reisender vor dem «Weissen Tod». So entstand die Legende von Barry, dem Bernhardiner, der allein über 40 Menschen gerettet haben soll. Ihm zu Ehren erhält in jeder Zuchtgeneration ein Welpe seinen Namen.

Während die Hunde bei den Besuchern des Hospizes heutzutage vor allem wegen ihres sympathischen Aussehens und ihres zutraulichen Charakters beliebt sind, sind sie an diesem Ort der Gastfreundschaft und der Einkehr auch immer noch ein Symbol für Treue und Hingabe. «Der Bernhardiner wird als Spurensucher und Wegbereiter im Schnee dargestellt. Er steht für starke Werte, die über das Tier hinausweisen und für die Menschen von grosser Bedeutung sind», sagt José Mittaz, Chorherr im Hospiz auf dem Grossen Sankt Bernhard.

Besucher des Hospizes können mit den zutraulichen Bernhardinerhunden spazieren gehen.
Besucher des Hospizes können mit den zutraulichen Bernhardinerhunden spazieren gehen.

Zutraulich und robust

Vor zehn Jahren wurde die Fondation Barry gegründet mit dem Zweck, die Hundezucht des Hospizes zu übernehmen. Die Stiftung ist verpflichtet, die Präsenz der Bernhardiner auf dem Pass für vier Monate im Jahr sicherzustellen, engagiert sich darüber hinaus aber auch für die Erhaltung der Rasse. In der Hundezucht in Martigny, wo etwa dreissig Bernhardiner leben, achtet Manuel Gaillard auf gute Zuchtbedingungen im Alltag. «Um die Rasse zu pflegen und ihren Fortbestand zu sichern, legen wir bei der Zucht auf Auswahlkriterien wie Gesundheit, Robustheit und charakterliche Ausgeglichenheit ebenso viel Wert wie auf eine grosse Zutraulichkeit.» Im Sommer geht es in der Hundezucht sehr ruhig zu und her. Ein Teil der Hunde ist im Hospiz, andere sind im Musée du Saint-Bernard in Martigny. Im Moment ist nur Zaskia da, die an einem schattigen Plätzchen ihre vier Welpen säugt. «Unsere Hundepflegerinnen und -pfleger gewöhnen die Welpen schon sehr früh an Menschen und an unterschiedliche Situationen. Ab einem Alter von sechs Wochen zeigen wir die Kleinen bereits den Besuchern des Museums in Martigny.»

Auf der Passhöhe des Grossen Sankt Bernhard kehren die Hunde nach ihrem 90-minütigen Spaziergang zurück zum Hospiz. Zoltan, Hesta und Cheyenne gönnen sich eine wohlverdiente Nachmittagsruhe. Den imposanten Kopf zwischen den Pfoten, etwas müde, doch mit wohlwollendem Blick hören die Bernhardiner ihrem Herrn zu. Die Gäste, die sich von ihren vierbeinigen Begleitern verabschiedet haben, setzen ihren Besuch im Museum des Hospizes fort, wo den berühmten Hunden zwei Ausstellungsetagen gewidmet sind, oder sie besichtigen den Kirchenschatz der Bernhardiner Chorherren, wo es prunkvolle mittelalterliche Goldschmiedekunst zu bestaunen gibt.

 

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